Herbst 2026 Newsletter
Liebe Freunde und GönnerInnen des Schweizerisch-Baltischen Komitees,
die Tage werden kürzer — und wir möchten diesen Herbstbrief nicht mit einer Bitte beginnen, sondern mit einem herzlichen Rückblick. Dank Ihrer Unterstützung durften in Estland, Lettland und Litauen viele Kinder einen Sommer erleben, der bleibt. Zuerst ein dankbarer, danach ein offener Text — beides gehört zusammen.
Estland — Peeteli in Tallinn: Vier Sommerlager, sechsunddreissig Kinder
Aus dem Zentrum Peeteli in Tallinn hat uns Anfang September ein ausführlicher Bericht von Kaidi Lees erreicht. Peeteli, das viele von Ihnen kennen, begleitet seit 1997 Kinder aus schwierigen Lebenslagen. In diesem Sommer nahmen 36 Kinder an vier Sommerlagern teil: drei zehntägige Camps auf der Insel Saaremaa, ein dreizehntägiges Lager in Norwegen — dieses mit Hilfe eines langjährigen Partners.
Die Berichte aus den Camps zeigen, worum es wirklich geht. Es ging um mehr als um Ferien. Kinder deckten den Tisch, heizten die Sauna, hackten Holz, halfen beim Kochen — und die Betreuenden beobachteten, wie sie mit jedem Tag selbstständiger wurden und ihre Hilfe von sich aus anboten. Es entstanden Freundschaften, kleine Konflikte konnten die Kinder zunehmend selbst regeln, und mancher entdeckte im Camp eine neue Leidenschaft — bei einem Jungen war es das Bogenschiessen.
Besonders eindrücklich war das Camp in Norwegen. Bergwanderungen, Kletterei, ein Aufstieg auf über 1’100 Meter. Die Kinder erlebten, dass sie mehr können, als sie sich selbst zugetraut hatten. Sie lernten norwegisches Landleben kennen, wurden herzlich aufgenommen, knüpften Freundschaften.
„Die grösste Wirkung der Camps ist, dass die Kinder eine Gemeinschaft erleben, in der sie lernen, einander zu vertrauen, zusammenzuarbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Sie entdecken, dass sie wertvoll und wichtig sind.“ — Kaidi Lees, Peeteli
Die schönste Zeile aus dem Bericht möchten wir Ihnen unverändert weitergeben: Manchmal entstünden die bedeutungsvollsten Momente aus ganz einfachen Dingen — aus einem langen Gespräch, aus dem Mut, etwas zum ersten Mal auszuprobieren, oder einfach aus dem Wissen, dass ein Erwachsener da ist. Das ist Peeteli.
Lettland — Rasas Pērles: Erster Zirkusbesuch für viele
Seit Juni 2026 unterstützt das SBK das Zentrum Rasas Pērles in Lettland. Dort finden Kinder und Jugendliche nach Gewalterfahrungen oder Trauma Rehabilitation und Betreuung — weit draussen auf dem Land, wo für Ausflüge oft die Mittel fehlen.
Am 22. Juli erlebten die Kinder dort etwas, an das viele lange nicht denken werden: einen „Zirkus auf dem Wasser“. Akrobatik, Jongleure, ein Clown, Seifenblasen im Sommerlicht. Für die meisten war es der erste Zirkusbesuch ihres Lebens.
Möglich wurde das durch eine langjährige Mäzenin des SBKs, die zu ihrem 88. Geburtstag eine grosszügige Spende getätigt hat. Wir finden: Es gibt kaum ein schöneres Geburtstagsgeschenk, das man sich selbst und der Welt machen kann.
Ein kurzer Video-Eindruck (auf Lettisch, aber die Bilder sprechen für sich): https://lnkd.in/eQpamWJF
Unser herzlicher Dank geht an alle Gönnerinnen und Gönner — und an Ilze Andža und ihr Team vor Ort.
Litauen — Šilutės Sandora und Pagėgiai Sandora: Alltag mit Kindern und Seniorinnen
Aus Litauen erreichten uns dieses Jahr zwei Briefe von unseren langjährigen Partnerorganisationen Šilutės Sandora und Pagėgiai Sandora — zwei Standorte einer Organisation, etwa dreissig Kilometer voneinander entfernt, mit einer über dreissigjährigen Verbindung zum SBK.
Die Vorsitzende von Šilutės Sandora schrieb uns von ihrer täglichen Arbeit. In Šilutė werden derzeit siebzehn Kinder betreut: Kinder aus kinderreichen Familien, aus Familien mit Alkoholproblemen, Kinder deren Eltern im Ausland arbeiten und die bei Grosseltern oder Verwandten leben. Sie kommen nach der Schule in die Räume der Sandora, essen dort in der eigenen Suppenküche zu Mittag, machen Hausaufgaben, spielen, backen Kuchen, treiben Sport. Wer keine Schulmaterialien hat, bekommt sie. Wer über etwas Belastendes reden möchte, wird gehört.
In Pagėgiai ist die Situation ähnlich, mit derzeit sechzehn betreuten Kindern. Jedes Jahr im Sommer laden beide Standorte gemeinsam rund dreissig Kinder aus den umliegenden Dörfern zu einem einwöchigen Ferienlager ein — für viele ist das die einzige Abwechslung von den langen Schulferien zuhause.
Neben der Kinderarbeit betreut Šilutės Sandora fünfundsiebzig alleinstehende Seniorinnen und Senioren, die in ihren Häusern leben und häufig unter Einsamkeit und Mangel leiden. Man besucht sie, wenn sie krank sind, bringt Pflegeartikel, gratuliert zu Geburtstagen mit kleinen Geschenken. Und jedes Jahr in der Adventszeit lädt die Sandora sie zu einer gemeinsamen Feier — mit einem Kinderprogramm, festlich gedecktem Tisch, Begegnung mit alten Bekannten. Man wartet ein halbes Jahr darauf und fragt schon Monate vorher, ob man wieder eingeladen sein wird.
„Unser Ziel ist es, die kleinen Herzen dieser Kinder mit Sicherheit, Güte und Liebe zu füllen.“ — Vorsitzende Šilutės Sandora
Warum wir Sie heute bitten müssen
Diese Rückblicke sind Ihr Werk. Zugleich möchten wir Sie nicht darüber im Unklaren lassen, wie sich die Lage vor Ort verändert hat.
Estland, Lettland und Litauen tragen an der Ostflanke der NATO eine sicherheitspolitische Last wie kaum ein anderer Teil Europas. Sie investieren einen so hohen Anteil ihres BIP in Verteidigung wie kaum ein anderes Bündnismitglied. Das ist notwendig — und es bindet Mittel, die für Bildung, Soziales und zivilgesellschaftliche Arbeit fehlen. Zugleich haben sich Energie- und Lebenshaltungskosten stark verteuert.
Für kleine Organisationen wie Sandora ist das eine doppelte Belastung: Die eigenen Kosten wachsen, während klassische Spender aus dem westlichen Ausland schrittweise wegfallen. Ein langjähriger Grosspender aus Deutschland, der beide Sandora-Standorte über viele Jahre finanziell getragen hat, musste seine Unterstützung nach schwerer Krankheit aufgeben. Diese Lücke lässt sich nicht schnell schliessen.
Was das für den kommenden Winter bedeutet, schreibt die Vorsitzende von Šilutės Sandora mit einer Klarheit, die uns nicht loslässt: Bereits letzten Winter herrschten in den Räumen nur 14 bis 15 Grad. Kinder und Betreuende sassen dort in zwei Jacken. Elektrisch heizen ist zu teuer, Diesel — mit dem geheizt wird — hat sich noch einmal verteuert.
„Mit Schrecken schauen wir auf den kommenden Winter.“ — Vorsitzende Šilutės Sandora
Der Vorstand hat entschieden, beide Sandora-Zentren im Jahr 2026 mit je CHF 1’000 zu unterstützen. Sollten wir weitere grössere Spenden erhalten, prüfen wir zeitnah eine weitere Unterstützung.
Warum das zu unserer Strategie 2030 passt
Unsere Strategie 2030 nennt drei Handlungsfelder: humanitäre Projekte vor Ort, kulturellen Austausch und — als neuen Schwerpunkt — den Dialog zu gesamtgesellschaftlicher Resilienz. Resilienz entsteht nicht erst in der Krise; sie muss vorher aufgebaut werden. Kinder, die heute in einem geheizten Sandora-Raum Wärme und Bildung erfahren, geben ihrem Gemeinwesen morgen Halt.
Humanitäre Hilfe im Baltikum ist deshalb keine Nostalgie an die Zeit nach 1991. Sie ist heute Teil einer aktiven europäischen Sicherheitspolitik von unten — dort, wo eine warme Suppe und ein beheizter Raum den Unterschied machen.
Spendenkonto
Schweizerisch-Baltisches Komitee, 4000 Basel
IBAN: CH13 0900 0000 4002 0202 7
BIC: POFICHBEXXX
Postkonto: 40-20202-7
Einzahlungen sind in CHF und EUR möglich. Der Vorstand bestätigt Ihre Spende, sie ist von den Steuern abziehbar.
Wir danken Ihnen — für Ihre Treue, Ihre Grosszügigkeit und Ihr Interesse an einer Region, die es verdient hat, dass wir sie nicht aus dem Blick verlieren. Wir wünschen Ihnen und Ihren Familien einen freundlichen Herbst.
Herzlichst
für den Vorstand des Schweizerisch-Baltischen Komitees
Dr. Yves B. Partschefeld
Präsident
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