{"id":637,"date":"2014-12-15T12:43:00","date_gmt":"2014-12-15T12:43:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wp.swiss-baltic.org\/?p=637"},"modified":"2021-01-23T13:15:35","modified_gmt":"2021-01-23T13:15:35","slug":"entstehung-des-schweizerisch-baltischen-komitees","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp.swiss-baltic.org\/?p=637","title":{"rendered":"ENTSTEHUNG DES SCHWEIZERISCH-BALTISCHEN KOMITEES"},"content":{"rendered":"\n<div style=\"height:72px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Aus einem Vortrag von Professor J\u00fcrgen von Ungern-Sternberg<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Ein Millionen-Heer von Fl\u00fcchtlingen und Heimatlosen vielfacher Herkunft. Da waren zun\u00e4chst die nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeiter, die \u00dcberlebenden der Konzentrationslager und ehemalige Kriegsgefangene &#8211; DP\u2019s, \u201adisplaced persons\u2019 ebenso vage wie zutreffend genannt -, da waren deutsche Fl\u00fcchtlinge und Heimatvertriebene, aber auch Fl\u00fcchtlinge aus vielen mittel- und osteurop\u00e4ischen Staaten. Und das in zerst\u00f6rten St\u00e4dten, bei v\u00f6llig darniederliegender Wirtschaft und angesichts einer katastrophalen Ern\u00e4hrungslage.<\/p>\n\n\n\n<p>Inmitten dieser Scharen gab es auch das kleine H\u00e4uflein der Deutsch-Balten. Seine Situation schildert der erste Aufruf des Schweizerisch-Baltischen Hilfskomitees vom Juni 1948:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Balten haben im Nordosten Europas w\u00e4hrend 800 Jahren unter schwierigsten Verh\u00e4ltnissen die abendl\u00e4ndische Kultur vertreten und zahlreiche Wissenschaftler und K\u00fcnstler von internationaler Bedeutung hervorgebracht. Diese Gruppe ist von der Vernichtung bedroht. Von 200.000 Seelen vor dem ersten Weltkrieg ist sie auf 50.000 zusammengeschrumpft. Die Mehrzahl der Balten lebt heute in den Westzonen der Alliierten. Besonders gross ist die Not unter den Kindern und Alten. Von 5.000 Kindern der Westzonen zwischen 4 und 14 Jahren sind alle sehr bed\u00fcrftig, <em>1000 sind hochgradig unterern\u00e4hrt<\/em> und haben einen Erholungsaufenthalt im Ausland dringend n\u00f6tig. Eine Gruppe von 200, haupts\u00e4chlich Waisen und Halbwaisen, ist in der Baltenschule Wyk auf F\u00f6hr, in der britischen Zone untergebracht. Von ungef\u00e4hr 900 Insassen des baltischen Altersheimes in Schwetz bei Posen sind heute nur noch 160 in der britischen Zone, auf der Nordseeinsel Langeoog, wohin sie fl\u00fcchteten, am Leben. Die anderen kamen in den letzten 3 Jahren durch die direkten Kriegshandlungen, Hunger und Krankheiten um. Die Kinder der Baltenschule und die Insassen des Altersheimes sind ganz besonders bed\u00fcrftig, es fehlt ihnen an allem.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das H\u00e4uflein der Balten findet Freunde und Helfer<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Die Schweiz hatte die Zeit des Zweiten Weltkriegs zwar nicht ohne Probleme, aber unbesch\u00e4digt \u00fcberstanden. Danach regte sich vielerorts das Bed\u00fcrfnis, angesichts der Not ringsumher tatkr\u00e4ftig Hilfe zu leisten. Dass dabei gerade auch die Balten ins Blickfeld gerieten, hat vielf\u00e4ltige Gr\u00fcnde. Betrachten wir die erste Mitgliederliste des Hilfskomitees, wie es sich am 1. April 1948 in Basel konstituiert hatte, so finden wir zun\u00e4chst eine ganze Reihe von baltischen Namen. So etwa Lydia von der Pahlen, die Frau des bedeutenden Professors der Astronomie, Emanuel von der Pahlen, die tatkr\u00e4ftig die Bildung des Komitees betrieben hatte, den Schriftsteller Werner Bergengruen, Andr\u00e9 von Pilar, Frau V. Tammann, Dr. Erik Undritz, aber auch weitere mit famili\u00e4rem baltischen Hintergrund, wie Fr\u00e4ulein Gertrud Oehler, Frau E. Rintelen-Schiemann und wohl auch der erste Pr\u00e4sident des Komitees, der damals bei der Basler Mission t\u00e4tige Pfarrer R. Kurtz. Die Balten als eine Minderheit waren es schon von ihrer Heimat her gewohnt, Netzwerke zu wechselseitiger Hilfeleistung zu bilden. Auf der anderen, materiell wichtigeren Seite, begegnen uns Namen wie Frau H. Burckhardt-Schatzmann als Ehrenpr\u00e4sidentin, Dr. Marcus L\u00f6w, Frl. Dr. h.c. M. Paravicini, Frau D. Sarasin-Dearth, Frau Marie-Th\u00e9r\u00e8se Simonius-Forcart bis hin zu Frl. Helene Vischer im Seidenhof am Blumenrain. Betrachten wir dazu noch die erste Liste mit Jahresbeitr\u00e4gen und Spenden, so kommen hinzu weitere Burckhardts, einschlie\u00dflich des Historikers und Diplomaten Carl Jacob Burckhardt, Bernoulli, Christ, Clavel, Ehinger, Geigy, Heusler, Iselin, Vischer, Von der M\u00fchll. Dazu noch viele andere, die insgesamt den Eindruck vermitteln, dass es die \u201agute Gesellschaft Basels\u2019 war, um nicht zu sagen: der \u201aDaig\u2019, die sich hier der notleidenden Balten annahm. Als erste Sekretariatsadresse erscheint Rennweg 72, also das Haus Tammann. Im Fr\u00fchjahr 1951 gesellte sich eine Sektion Z\u00fcrich dazu, die zun\u00e4chst Dr. C. A. Agthe pr\u00e4sidierte, w\u00e4hrend Frl. Helene Bodmer Sekret\u00e4rin war. Sp\u00e4ter amtierte dann viele Jahre Frau Erna Simmen-Schwyzer als Sekret\u00e4rin.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fundraising durch kulturelle Anl\u00e4sse<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Neben dem Sammeln von Geld- und Sachspenden und dem Vermitteln von Patenschaften f\u00fcr einzelne Kinder wurde Fundraising auch durch kulturelle Veranstaltungen betrieben. Mehrmals stellten sich die drei baltischen Autoren und Mitglieder des Hilfskomitees Bergengruen, Sigismund von Radecki und Edzard Schaper f\u00fcr Dichterlesungen zur Verf\u00fcgung, sp\u00e4ter auch einmal Zenta Maurina, die \u00fcber das Werk Solschenizyns sprach. Es gab weitere Vortr\u00e4ge, etwa von Undritz, und mehrere musikalische Matineen in der \u201aSandgrube\u2019, dem Hause Paul Simonius-Vischer, oder einmal im Wildtschen Haus, u. a. mit dem Pianisten Karl Engel, dem Fl\u00f6tisten Joseph Bopp und dem Gambisten und Cellisten August Wenzinger. Der hier anwesende Andreas Tammann erinnert sich noch an die St\u00fchle, die er dazu einmal im Ramsteiner Hof tragen half, und an die jungen M\u00e4dchen, die nach dem Konzert in gro\u00dfen Kupferkesseln Spenden einsammelten, bis Baron von der Pahlen mit dem Ruf eingriff: \u201eJetzt ist jenuch!\u201c Selbst einen Bridgeabend gab es gelegentlich im Hause Simonius, bei dem mit vornehmlich englisch-franz\u00f6sisch orientierten Teilnehmern an acht Tischen gespielt wurde. Die Nettoeinnahmen \u2013 nach Abzug der Kosten f\u00fcr einen guten Imbiss, wie betont wird \u2013 betrugen immerhin 600 Franken.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit alledem kamen durchaus beachtliche Betr\u00e4ge zusammen. Nach den ersten zehn Jahren hat der damalige \u2013 und insgesamt 35 Jahre seines Amtes waltende \u2013 Sekret\u00e4r der Sektion Basel, Ernst Luchsinger, wir gr\u00fc\u00dfen den 96-j\u00e4hrigen in sein Altersheim im Bachlettenquartier hin\u00fcber, den Gesamtbetrag auf genau 117.673, 64 Franken beziffert. In heutige Kaufkraft darf das etwa mit dem Faktor 5 hochgerechnet werden. Danach wurden also allein an Geldspenden \u2013 abgesehen also von den Sachspenden und wohl auch von direkten Leistungen, z.B. \u00fcber die Patenschaften &#8211; nach heutigem Geldwert an die 600.000 Franken aufgebracht. Dazu haben auch einige Basler Firmen beigetragen, z.B. Frobenius mit kostenlosen Druckleistungen, allen voran aber Sandoz mit regelm\u00e4\u00dfigen hohen Spenden. Das war wohl wesentlich das Verdienst des Pr\u00e4sidenten des Hilfskomitees von 1958 \u2013 1981, Erik Undritz, der als langj\u00e4hriger Leiter des h\u00e4matologischen Labors von Sandoz und Herausgeber der H\u00e4matologischen Tafeln ein international renommierter Forscher war. Seine wissenschaftlichen Verdienste sind auch von der Universit\u00e4t Basel durch die sehr selten verliehene Ernennung zum Ehrendozenten der Medizinischen Fakult\u00e4t anerkannt worden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Hilfe f\u00fcr Kinder<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Mit dem Geld ist auch Erhebliches geleistet worden, wovon besonders die ersten Jahresberichte eindr\u00fccklich zeugen. So wurden sogleich 20 Kinder f\u00fcr sechs Wochen in das Kinderheim Gaienhofen auf der deutschen Seite des Bodensees eingeladen, das unter der Leitung des HEKS (Hilfswerks der evangelischen Kirchen in der Schweiz) stand. \u201eDort erholten sich die Kinder bei guter Kost (die Milch kommt aus der Schweiz), liebevoll betreut von Fr\u00e4ulein Gertrud Oehler, einer Baslerin.\u201c Im April konnten 70 Jugendliche und Studenten 14 Tage auf der Insel Mainau verbringen mit Vortr\u00e4gen \u00fcber Religion, Philosophie, Politik und Naturwissenschaften, aber auch Spiel, Sport und Gesang. Einer der S\u00e4nger ist Frl. Oehler lebhaft in Erinnerung geblieben. Er half sp\u00e4ter im Kinderheim und wurde schlie\u00dflich ihr Ehemann: Wadim von Weymarn. Gute Taten haben manchmal auch erfreuliche Nebenfolgen. Wir gr\u00fc\u00dfen Frau von Weymarn, die gegenw\u00e4rtig in Schaffhausen weilt bei ihrer Tochter Natalie Zumstein. Diese ist sp\u00e4ter als Kassiererin f\u00fcr das Hilfswerk ebenso t\u00e4tig gewesen wie jetzt ihr Bruder Constantin von Weymarn, der ihr in dieser Funktion gefolgt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei gro\u00dfe Lebensmittelsendungen gingen an das baltische Internat Wyk auf F\u00f6hr, weitere an das Altersheim auf Langeoog.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei diesen Aktionen konnte sich das Hilfskomitee auf das Netzwerk von Verteilungsstellen und Komitees st\u00fctzen, das die Deutschbalten inzwischen in der amerikanischen, englischen und franz\u00f6sischen Besatzungszone selbst gebildet hatten. Die Baronin von der Pahlen hatte schon vor Beginn der Arbeit diesbez\u00fcgliche Recherchen betrieben und dar\u00fcber im Mai 1948 einen sehr aufschlussreichen Bericht verfasst.&nbsp; Manche Namen begegnen da, die mit gro\u00dfem Einsatz viel Segensreiches geleistet haben. Ich nenne nur Pastor Girgensohn in Bethel und die Baronin Anni von Hahn, damals in Schwaben, die sp\u00e4ter von Canada aus im Rahmen des dortigen schon fr\u00fch gebildeten Hilfskomitees t\u00e4tig gewesen ist. Im Jahre 1974 ist sie zusammen mit Frau Simmen-Schwyzer und Herrn Undritz von der Deutsch-Baltischen Landsmannschaft f\u00fcr diese Hilfeleistung dankbar geehrt worden. Und ich nenne noch Frl. Marie Volck in M\u00fcnchen, die schon nach dem Ersten Weltkrieg den notleidenden baltischen Fl\u00fcchtlingen geholfen hatte, und dies nunmehr in hohem Alter nochmals unerm\u00fcdlich lange Jahre getan hat. Baronin von der Pahlen zitiert sie aus einem Brief:<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;\u201eDie Lage unserer jungen und alten Landsleute ist wohl zum Verzweifeln, weil vielfach alles fehlt (Kleider, W\u00e4sche, Schuhe). Die Unterk\u00fcnfte sind entsetzlich und die Unterern\u00e4hrung nimmt be\u00e4ngstigende Formen an.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;(Frl. Volck vermittelte \u00fcbrigens auch innerhalb Bayerns Aufenthalte junger Balten auf dem Lande. Auch dem hier Sprechenden wurde dies mehrmals zuteil \u2013 mit parallelen Konsequenzen zu Frl. Oehler: auch ich habe auf diese Weise meine sp\u00e4tere Frau kennen gelernt. Wir haben die uralte Dame als Verlobte noch besuchen k\u00f6nnen.)<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;In sp\u00e4teren Zeiten begegnen vor allem Frau Rajniss und Herr Hollihn als wichtige Vermittler der Hilfe innerhalb Deutschlands.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Dem zweiten Jahresbericht ist u. a. zu entnehmen, dass 24 Kinderpatenschaften vermittelt worden waren. Die Sch\u00fcler des Lyzeums in Zuoz hatten Kleider f\u00fcr das Internat in Wyk auf F\u00f6hr gesammelt, das dann berichtete:<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;\u201eEs ist immer eine besondere Freude zu sehen, wie aus einem \u201afreudlosen Erwachsenen in Kindergestalt\u2019 ein sorglos fr\u00f6hliches Kind wurde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Sehr n\u00fctzlich wurde die Einrichtung einer Darlehenskasse f\u00fcr notleidende Studenten vor allem vor dem Studienabschluss. Da diese Gelder jeweils zur\u00fcckgezahlt wurden, haben sie noch lange Jahre vielfach geholfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Altersheim auf Langeoog konnte mit Hilfe des Hilfskomitees die Heizung saniert werden gerade rechtzeitig in den kalten Oktobertagen wie berichtet wird:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e [&#8230;] da gab es ein allgemeines Erwachen und ein staunendes Hintasten zu den Heizk\u00f6rpern [&#8230;] am Morgen war das ganze Haus sch\u00f6n durchw\u00e4rmt und aus tiefdankbarem Herzen erklang um 7 Uhr morgens unser \u201aNun danket alle Gott\u2019 durch alle R\u00e4ume.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch die Balten in der russischen Zone und die Fl\u00fcchtlinge von dort kamen jetzt allm\u00e4hlich ins Blickfeld.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Hilfsleistungen in die Bundesrepublik und in die DDR<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>In dieser Richtung verlagerten sich allm\u00e4hlich die Hilfsleistungen, auch wenn es zun\u00e4chst auch in der jungen Bundesrepublik noch gen\u00fcgend hilfsbed\u00fcrftige Kinder und alte Leute gab. Das Wirtschaftswunder erreichte keineswegs gleich alle. Im sechsten Jahresbericht (1953\/54) wird dazu bemerkt:<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;\u201eWir haben [&#8230;] auch in der Bundesrepublik weiter geholfen und uns in unserer Hilfeleistung nicht von der hauchd\u00fcnnen Schicht wohlhabender Deutscher aus dem Reich abhalten lassen, die sich auch im Ausland alles leisten k\u00f6nnen. Von den gefl\u00fcchteten Balten d\u00fcrfte kaum jemand dazu geh\u00f6ren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und im siebten Jahresbericht (1954\/55) ist dementsprechend von einer Verteilungsstelle zu lesen:<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;\u201eDie neuen Schuhe und Laken werden von unseren Besuchern h\u00e4ufig vollkommen fassungslos in Empfang genommen; viele sagten, sie h\u00e4tten nicht zu hoffen gewagt, noch je in ihrem Leben solch wundervolle Sachen zu besitzen! Eine Mutter von vier Kindern sagte, als sie ein neues Paar Kinderschuhe bekam, ihre siebenj\u00e4hrige Tochter h\u00e4tte damit die <em>ersten neuen Schuhe<\/em>, bisher h\u00e4tte sie nur die schon stark getragenen Schuhe von zwei \u00e4lteren Geschwistern tragen m\u00fcssen. [&#8230;] Eine \u00e4ltere Landsm\u00e4nnin, die pers\u00f6nlich ein Paar Schuhe und ein Laken aus der Schweizer Spende bekam, [&#8230;] fragte mehrmals: \u201aWirklich, das soll ich mitnehmen d\u00fcrfen, das ist f\u00fcr mich?\u2019 Sie hatte ein Paar Schuhe an, das der Schuster mit Ausschnitten verschiedenen Formates und Aussehens wenigstens soweit gebracht hatte, dass sie sie tragen konnte. Und zum Laken sagte die gleiche Besucherin [&#8230;] ganz leise: \u201aDas ist mein einziges Laken, seit 1945 habe ich in Resten von Tischt\u00fcchern und bunten Flicken geschlafen.\u2019\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Noch im Jahre 1958 haben Ernst Luchsinger und Frau Simmen \u00fcber die Anschaffung von Bettlaken korrespondiert. Da ging es um die Ausstattung von Fl\u00fcchtlingen aus der Ostzone \/ DDR. Wichtig wurde nun aber der Reisedienst, durch den einsam und oft auch hilflos auf dem Land lebende Landsleute regelm\u00e4ssig besucht und beraten wurden. Andererseits waren numehr auch Rentner zu unterst\u00fctzen, die als \u00fcber 60-j\u00e4hrige \u2013 anders als die \u00fcbrigen Bewohner der DDR \u2013 die M\u00f6glichkeit hatten, in die Bundesrepublik zu reisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unverkennbar ging aber die allgemeine Not nunmehr doch sehr zur\u00fcck; auch wenn die Lebensmittelpakete und andere Hilfen f\u00fcr viele Familien oder alte Leute immer noch schon rein psychologisch, als Zeichen daf\u00fcr, nicht vergessen zu sein, wichtig waren. Das Spendeneinkommen blieb auch l\u00e4ngere Zeit noch erfreulich hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Moment, genauer: gerade zur \u201aHalbzeit\u2019 des Hilfskomitees im Jahre 1978, bin ich selbst Mitglied des Komitees geworden. Herr Undritz hatte meinen Namen im Vorlesungsverzeichnis der Universit\u00e4t entdeckt und mich kurzerhand \u201aeingemeindet\u2019. So kann ich noch aus eigenem Erleben von den Jahresversammlungen im Hause Undritz in der Neubadstra\u00dfe 83 berichten. Sie fanden von Anfang an jeweils im Januar statt. Nach den Regularien der Jahresversammlung \u2013 es referierte vor allem der damalige Vizepr\u00e4sident und Kassier Nikolaus Bischoff \u2013 blieb man noch gem\u00fctlich bei K\u00f6stlichkeiten zusammen, die Rolla Undritz freundlich bereit gestellt hatte. Am offiziellen Teil nahm sie keinen Anteil. Erik Undritz war gesundheitlich schon sehr eingeschr\u00e4nkt, hatte aber f\u00fcr mich noch eine gro\u00dfe menschliche Ausstrahlung. Schweizer und Balten oder beides in einer Person \u2013 es war die Atmosph\u00e4re eines Familientreffens, wozu eine so urbaltische Gestalt wie Frl. Nina Michel als nunmehrige Vertreterin Z\u00fcrichs wesentlich beitrug.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Tode von Undritz Ende 1984 geriet das Hilfskomitee allm\u00e4hlich in eine \u201aSinnkrise\u2019. Dies ist nicht den beiden n\u00e4chsten Pr\u00e4sidenten, Herrn Bischoff (1982-1987) und Frau Mareile von Haken-Bernewitz (1988-1994) anzulasten, die das Erbe treulich zu verwalten suchten. Vor allem nach dem Ende der DDR 1989\/90 stellte sich aber durchaus die Frage, ob das Hilfskomitee noch sinnvolle Aufgaben habe \u2013 wenngleich nach dem Worte Jesu Arme (in jedem Sinne des Wortes) allezeit unter uns zu finden w\u00e4ren. Aber Hilfe von der Schweiz aus in das gl\u00fccklich wiedervereinigte Deutschland? War das wirklich noch notwendig?<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Entschlossener Neuanfang<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>In dieser Situation bedeutete die Wahl von Herrn Axel C. Scherrer-Rychen zum Pr\u00e4sidenten des Hilfskomitees im Jahre 1995 einen entschlossenen Neuanfang. Immerhin hatte ein Gro\u00dfonkel von ihm, Dr. H. Boehringer aus Genf, zu den ersten F\u00f6rderern des Komitees gez\u00e4hlt. Im wesentlichen indes kam Herr Scherrer von au\u00dfen, aber mit lebhaftem Interesse an den baltischen L\u00e4ndern, und f\u00fchrte eine Umorientierung herbei: Hilfe f\u00fcr die und in den baltischen Staaten selbst, die 1991 endlich nach jahrzehntelanger Unterdr\u00fcckung frei geworden waren: Estland, Lettland, nun aber auch Litauen. Eine Umorientierung, die \u00fcbrigens zahlreiche Deutschbalten zur selben Zeit vollzogen haben. Interessant ist dabei, dass bereits im Jahre 1948 eine Ausdehnung der Hilfe auf geflohene Esten und Letten von der Baronin von der Pahlen angeregt worden ist. Damals kam das aber f\u00fcr die Mehrheit des Komitees offenbar nicht in Betracht. Die meisten dieser Fl\u00fcchtlinge sind dann bald abgewandert, vor allem nach Canada und den USA.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwar gab es im Baltikum Anfang der 90er Jahre nicht die kriegerischen Verw\u00fcstungen wie nach 1945, aber der Zusammenbruch der sowjetischen Wirtschaft hatte f\u00fcr viele Menschen \u00e4hnlich katastrophale Folgen. Alle Industrie in den baltischen Sowjetrepubliken war in die gesamtsowjetische Planwirtschaft einbezogen gewesen. Mit der Selbstst\u00e4ndigkeit brachen die meisten Betriebe zusammen. Gleichzeitig hatten viele durch die Geldentwertung ihre Ersparnisse verloren. Ganz zu schweigen davon, dass von den Wohnungen und H\u00e4usern bis hin zu den Schulen, Krankenh\u00e4usern und Altersheimen vieles in katastrophalem Zustand war. Und Kinder wie Alte waren wieder besonders von dieser Notsituation betroffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier gab es viele neue Aufgabenfelder \u2013 und Herr Scherrer war der Mann, sie zu beackern. Vor allem hat er es durch sein weit gespanntes Beziehungsnetz verstanden, das immer doch recht begrenzte Spendenaufkommen des Komitees durch das Auftreiben immer neuer Sachspenden in der Schweiz gleichsam zu multiplizieren. Also z.B. reichlich vorhandenes \u00fcberfl\u00fcssiges Sanit\u00e4tsmaterial der nolens volens allm\u00e4hlich auch etwas abr\u00fcstenden Schweizer Armee bei \u00dcbernahme der Transportspesen zu baltischen Krankenh\u00e4usern zu expedieren. Hinzu trat die Sorge f\u00fcr die Stra\u00dfenkinder in Tallinn, Hilfe zur Renovation und Ausstattung von Altersheimen (Aizpute\/Hasenpoth) und Krankenh\u00e4usern (Klaipeda; Rezekne; Kinderspital Tallinn) und manches andere bis hin zur Vermittlung von 70.000 Paar neuen Winterstiefeln von Bally.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig wurde eine Tradition der Anfangszeit neu belebt: die Durchf\u00fchrung kultureller Veranstaltungen. Nicht so sehr zum Zwecke des Fundraising, sondern um baltischen K\u00fcnstlern, vor allem Musikern, und da vor allem wieder den mit Recht ber\u00fchmten baltischen Ch\u00f6ren Auftritte in der Schweiz zu erm\u00f6glichen. Viele der Anwesenden k\u00f6nnen sich an diese in jeder Hinsicht bereichernden Abende erinnern. Ich nenne nur den allerletzten vor genau einer Woche in der Leonhardskirche. Wie hier die Kammerch\u00f6re der Hochschulen f\u00fcr Musik in Riga und Basel nacheinander und vor allem miteinander sangen, war tief bewegend. Und machte zugleich klar, dass es schon sehr viel mehr eben um Austausch als nur um einseitige Hilfe geht. Und doch bleibt diese noch f\u00fcr geraume Zeit bitter notwendig. Schon in den Zeiten der Hochkonjunktur gab es noch viele Menschen in den baltischen Staaten, die den Sprung in die neue Zeit nicht geschafft hatten. Jetzt wo die baltischen \u201aTiger\u2019 eher zu kl\u00e4glich miauenden Katzen zu werden drohen, wird sich das gewiss nicht \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Denken wir also dankbar an das zur\u00fcck, was eine fr\u00fchere Generation an Hilfe f\u00fcr Mitmenschen geleistet hat, und fahren wir mit unserer Hilfe fort. Sollten sich die Verh\u00e4ltnisse in den baltischen Staaten \u2013 wie wir alle hoffen und w\u00fcnschen \u2013 weiterhin bessern, dann kann ja dereinst eine neue Standortbestimmung erfolgen. Sie wird durch den heutigen Beschluss, in Zukunft als \u201aSchweizerisch-Baltisches Komitee\u2019 zu firmieren, bereits angebahnt. Nichts w\u00e4re sch\u00f6ner, als wenn wirklich einmal festgestellt werden k\u00f6nnte, dass die karitativen Aufgaben entfallen sind.&nbsp; In dieser Hinsicht muss ja nicht unbedingt ein hundertj\u00e4hriges Jubil\u00e4um gefeiert werden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:150px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus einem Vortrag von Professor J\u00fcrgen von Ungern-Sternberg Ein Millionen-Heer von Fl\u00fcchtlingen und Heimatlosen vielfacher Herkunft. 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