{"id":1056,"date":"2021-11-05T10:46:25","date_gmt":"2021-11-05T10:46:25","guid":{"rendered":"https:\/\/wp.swiss-baltic.org\/?p=1056"},"modified":"2022-02-18T11:05:54","modified_gmt":"2022-02-18T11:05:54","slug":"gutshoefe-im-baltikum-mit-grossemcharme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp.swiss-baltic.org\/?p=1056","title":{"rendered":"GUTSH\u00d6FE IM BALTIKUM MIT GROSSEM CHARME"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Von Christine Burkhardt, Geschichtswissenschafterin BaselVortrag gehalten an der Jahresversammlung des Schweizerisch Baltischen Komitees vom 18. September 2021, niedergeschrieben im Oktober und anschliessend formatiert und in diese Homepage durch Nils Undritz aufgeladen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Einleitung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schon als ich ein Kind war, \u00fcbten die Gebiete an der s\u00fcdlichen Ostsee und Namen wie Samland, Kurland, Baltikum grosse Anziehungskraft auf mich aus, und sobald sich die M\u00f6glichkeit bot, unternahm ich Reisen nach Litauen, Lettland, Ostpreussen und Estland.<\/p>\n\n\n\n<p>Die St\u00e4dte des Baltikums unterschieden sich schon zu Sowjetzeiten von Leningrad und Moskau: Das Leben wirkte bunter, es gab Restaurants und Teestuben, zwar mit fest zugezogenen Vorh\u00e4ngen und nicht leicht zu entdecken, und in Begleitung einer linientreuen Stadtf\u00fchrerin konnte man sich als Reisende in Tallin, Riga und Vilnius frei bewegen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/wp.swiss-baltic.org\/wp-content\/uploads\/20210918_113727_resized-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1060\" width=\"337\" height=\"449\" srcset=\"https:\/\/wp.swiss-baltic.org\/wp-content\/uploads\/20210918_113727_resized-768x1024.jpg 768w, https:\/\/wp.swiss-baltic.org\/wp-content\/uploads\/20210918_113727_resized-225x300.jpg 225w, https:\/\/wp.swiss-baltic.org\/wp-content\/uploads\/20210918_113727_resized-113x150.jpg 113w, https:\/\/wp.swiss-baltic.org\/wp-content\/uploads\/20210918_113727_resized-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/wp.swiss-baltic.org\/wp-content\/uploads\/20210918_113727_resized-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/wp.swiss-baltic.org\/wp-content\/uploads\/20210918_113727_resized.jpg 1734w\" sizes=\"(max-width: 337px) 100vw, 337px\" \/><figcaption>Christine Burkhardt <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Unter Glasnost und Perestroika begann in den St\u00e4dten ein sanfter Tourismus, fr\u00fchere Sperrgebiete, wie Kurland oder der Ostseehafen Pillau, wurden frei zug\u00e4nglich und spontane private \u00dcbernachtungen m\u00f6glich, dies ein Gl\u00fcck, denn es herrschte ein grosser Mangel an Hotels. Verst\u00e4ndigen konnten wir uns, die wir weder Russisch noch die baltischen Sprachen beherrschten, mit Mimik und Gestik und mit \u00e4lteren Leuten oft auf Deutsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Unabh\u00e4ngigkeit erwachten vor allem die St\u00e4dte des Baltikums zum Leben, aber bis zu meiner letzten grossen Dreil\u00e4nderreise 2003 blieb das Hinterland in einem zwar romantischen, aber doch sehr r\u00fcckst\u00e4ndigen Zustand mit ungeteerten Strassen, Ruinen und grosser Armut. Inzwischen sind Jahre vergangen, und das hat sich hoffentlich alles ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Urspr\u00fcnglich auf den Spuren j\u00fcdischen Lebens im Baltikum zogen uns auch die unz\u00e4hligen ehemaligen Herrenh\u00e4user der deutschen Barone immer mehr in ihren Bann: Ihre verblichene Sch\u00f6nheit, aber auch ihr Zerfall boten uns einen Blick in eine vergangene Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wurden Spezialistinnen im Entdecken dieser Geb\u00e4ude, die fast in jedem Dorf Lettlands und Estlands zu finden waren (Litauen besass auf Grund seiner Geschichte weniger davon), und fotografierten sie: zerfallen, als Ruinen ohne Innenleben, in altem Glanz, in neuer Funktion und oft inmitten eines wundersch\u00f6nen Parks mit altem Baumbestand, kleinem See oder Weiher, am Ende einer Allee &#8211; melancholische \u00dcberreste mit grossem Charme.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Geschichte des Baltikums<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(Zuerst ein kurzer Abriss \u00fcber die Geschichte des Baltikums)<\/p>\n\n\n\n<p><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-vivid-red-color\">A.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Gleiches und Unterschiedliches<\/mark><\/p>\n\n\n\n<p>Die 3 L\u00e4nder Estland, Lettland und Litauen werden oft als Einheit genannt, als Baltikum. Dieser Name taucht erstmals in Schriften der Antike auf, gemeint war damals vermutlich eine sagenumwobene Bernsteininsel in der Ostsee oder die K\u00fcste S\u00fcdskandinaviens.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter bezieht sich der Begriff \u201abaltisch\u2018 auf das Meer, auf die Ostsee: So nennt der Chronist Adam v. Bremen als Erster dieses Meer \u201amare balticum\u2018, was heute zB. im Russischen oder im Franz\u00f6sischen noch der Fall ist. Erst im 19. Jhdt. werden die Bezeichnungen \u201aBalten\u2018 und &nbsp; \u201abaltisch\u2018 im politischen Sinn verwendet, und zwar in verschiedender Art u. Weise: Manchmal meint der Begriff nur die L\u00e4nder Estland und Lettland, oft auch die deutschen, ausschliesslich der Mittel- und Oberschicht angeh\u00f6renden Bewohner der 3 russischen Ostseeprovinzen Livland, Estland und Kurland.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sprechen heute vom Baltikum und meinen Estland, Lettland und Litauen, 3 L\u00e4nder, die sich aber in Landschaft, Geschichte, Sprache und Religion unterscheiden: So sind in Litauen etwa 77% der Bev\u00f6lkerung katholisch, w\u00e4hrend Lettland nur im Osten eine r\u00f6misch-katholische Minderheit besitzt, mehrheitlich aber dem evangelisch-lutherischen Glauben folgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Denkt man an Estland, sieht man Wasser, Sandb\u00f6den und &nbsp;Birken, Litauen aber ist zu 1\/3 von Wald bedeckt, der sich auf flachen Ebenen, aber auch auf H\u00fcgelketten erhebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant ist auch die Verschiedenheit der Sprachen, die auf die unterschiedliche Herkunft bei der Einwanderung zur\u00fcckzuf\u00fchren sind.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die sp\u00e4teren Esten und Liven um 4000-3000 v. Chr. von Asien her nach Westen vordringen, die Region am Finnischen Meerbusen besiedeln und eine finnisch-ugrische Sprache sprechen, wandern die indoeurop\u00e4ischen Litauer, Letten und Pruzzen um 2000-1800 v. Chr. aus der Weichselregion ein. Sie besitzen bereits &nbsp;Streit\u00e4xte, dank denen sie die Finno-Ugrier nach Nordosten verdr\u00e4ngen k\u00f6nnen. Heute sprechen die Esten immer noch ihre finno-ugrische Sprache (nahe verwandt mit dem Finnischen, weit verwandt mit dem Ungarischen). <br>Die Letten verwenden das indoeurop\u00e4ische Lettisch; eine livl\u00e4ndische, also finnisch-ugrische Minderheit findet sich noch in Kurland. Es wird wird versucht, das Livl\u00e4ndische wiederzubeleben.<br>Die Zeit der Sowjetunion hat sprachlich vor allem in Lettland ihre Spuren hinterlassen. 1990 beherrschte nur noch jeder zweite Mensch die lettische Sprache, heute bem\u00fcht sich der Staat, Lettisch als Nationalsprache im Volk zu verankern.<\/p>\n\n\n\n<p>Lettisch und Litauisch sind sich sehr \u00e4hnlich: so heisst \u201aGuten Tag\u2018, auf lettisch LAB DIEN, auf litauisch LABA DIENA.&nbsp;&nbsp; Im indoeurop\u00e4ischen Litauisch haben sich die alten &nbsp;Formen am reinsten erhalten, Gelehrte erkennen noch die Verwandtschaft mit dem indischen Sanskrit.<br>Die anderen baltischen Sprachen des indoeurop\u00e4ischen Stammes sind ausgestorben.<\/p>\n\n\n\n<p><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-vivid-red-color\">B. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Am Anfang der baltischen Geschichte<\/mark> <\/p>\n\n\n\n<p>stehen der Bernstein und die Bernsteinstrasse. Vor 60 Millionen Jahren ist Nordeuropa fast fl\u00e4chendeckend von Fichten- und Kiefernw\u00e4ldern \u00fcberzogen. Die Unmenge von Harz, das diese B\u00e4ume absondern, wird von den nachfolgenden Eiszeiten gut konserviert. Nachdem sich das Eis zur\u00fcckgezogen hat, gelangen die ersten Menschen an die baltische K\u00fcste; erste Zeugnisse menschlicher Besiedlung (Aexte von Nomaden) datieren von 2400 v. Chr.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Eisenzeit gibt es erstmals einen zusammenh\u00e4ngenden Besiedlungsraum, der von der Wechsel bis fast nach &nbsp;&nbsp; Moskau reicht. Und die Menschen, so berichtet der r\u00f6mische Schriftsteller Plinius, nutzen den Bernstein: statt Holz zum Brennen, aber vor allem als Handelsware; sie verkaufen ihn an die benachbarten Teutonen, von wo er seinen Siegeszug durch Mittel- und S\u00fcdeuropa antritt und erstmals in Texten in assyrischer Keilschrift, aber auch bei Tacitus erw\u00e4hnt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Damals ist die Herkunft des Bernsteins unbekannt; deshalb ranken sich um seine Entstehung verschiedene Sagen. Die bekannteste ist wohl die altlitauische M\u00e4r von den \u201aTr\u00e4nen der Jurate\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Jurate, die Meeresg\u00f6ttin, verliebt sich in den junge Fischer Kastytis, lockt ihn in ihren Bernsteinpalast auf dem Meeresgrund und verm\u00e4hlt sich mit ihm. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Damit verst\u00f6sst sie gegen das Verbot, einen Sterblichen zu heiraten, und der G\u00f6ttervater Perkunas zerst\u00f6rt mit seinem Donnerkeil Jurates Palast. Seitdem sp\u00fclen Wellen immer wieder kleine Bernsteinst\u00fccke an den Strand, Jurates Tr\u00e4nen.<\/p>\n\n\n\n<p>C. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Das 2.-5, Jhdt. n. Chr. ist das goldene Zeitalter des Baltikums: hier kreuzen sich Handelswege, hier wird Leder, Seife, Pelz und Getreide ausgetauscht, hier bl\u00fcht der Ackerbau, und die Baltenst\u00e4mme, Esten, Letgallen, Liven, Kuren, Litauer u. Pruzzen lebten in grossem Wohlstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen breitet sich das deutsche Reich weiter gegen Osten aus. Vom 1158 von Heinrich d. L\u00f6wen gegr\u00fcndeten L\u00fcbeck aus schliessen sich M\u00f6nche den Handelskarawanen an, und der Augustinerm\u00f6nch Meinhard wird vom Erzbf. v. Bremen zum 1. Bischof im Baltikum ernannt, zum Bf. v. Ueksk\u00fcll. Dieser Adalbert v. Bremen f\u00e4hrt sp\u00e4ter mit 500 Mann und zwei Dutzend Schiffen die D\u00fcna hinauf und unterwirft das Land der Kisen, Selen und Liven; an der M\u00fcndung des Flusses entsteht wenig sp\u00e4ter die Stadt Riga.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hoch- und Sp\u00e4tmittelalter besetzt der Deutschritterorden also weite Gebiete des Baltikums; Litauen aber bleibt unabh\u00e4ngig.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Handelsst\u00e4dte k\u00f6nnen sich weitreichende Freiheiten sichern, gelangen zu grossem Wohlstand und werden von ihren Handelspartnern Deutschland, D\u00e4nemark und Schweden stark beeinflusst.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Im 16. Jhdt. misslingt zwar den Russen im sog. Livl\u00e4ndischen Krieg die Eroberung von Estland und Lettland, aber Kurland und Livland geraten unter die Oberhoheit der zu Hilfe gerufenen Polen, Estland wird schwedisch und die Insel Saremaa d\u00e4nisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Zarenreich kann sich dann aber im 18. Jhdt. des Baltikums bem\u00e4chtigen und beherrscht es bis zum 1. &nbsp;Weltkrieg. Erst am Ende des Krieges entstehen die Republiken Estland, Lettland und Litauen (nur die Gegend um Vilnius geht an Polen verloren), und das Baltikum ist zum ersten Mal frei und unabh\u00e4ngig.<\/p>\n\n\n\n<p>1939, mit Beginn des 2. Weltkrieges, ist es mit der Freiheit aber bereits vorbei: Im deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt wird das Baltikum als sowjetische Interessenssph\u00e4re bezeichnet, und als sich die 3 Staaten weigern, den Vertrag anzuerkennen, werden sie von den Russen angegriffen. Das neugew\u00e4hlte baltische Parlament stimmt nun gezwungenermassen der Eingliederung in die Sowjetunion zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutschland aber veranlasst die nahezu vollst\u00e4ndige Umsiedlung der deutsch-baltischen Bev\u00f6lkerung in das besetzte Polen (in den Warthegau und nach Westpreussen).<\/p>\n\n\n\n<p>1941 \u00e4ndert sich das Bild erneut: Deutschland marschiert im Baltikum ein, der Vertrag mit der Sowjetunion ist Makulatur und gilt nicht mehr. Ein Grossteil der baltischen Bev\u00f6lkerung begr\u00fcsst die neuen Besatzer und unterst\u00fctzt deren Massnahmen. Tausende treten in die Waffendivision der SS ein, aber auch auf Seiten der Roten Armee k\u00e4mpfen viele Balten gegen die Besatzer ihrer L\u00e4nder.<\/p>\n\n\n\n<p>In der 2. H\u00e4lfte des Jahres 1944 werden die baltischen L\u00e4nder erneut von den nach Westen vorr\u00fcckenden sowjetischen Truppen besetzt und als sozialistische Sowjetrepubliken der Sowjetunion einverleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die 3 Besatzungswellen des 2. Weltkrieges bedeuten f\u00fcr&nbsp; die baltischen Staaten einen ungeheuren Verlust an Menschen:&nbsp;&nbsp;Zwischen 1940 und 41 verschleppen und ermorden die Russen den Grossteil der Oberschicht, des Milit\u00e4rs und des Klerus. Die Nazis massakrieren sp\u00e4ter fast die gesamte j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung. Und bis 1950 werden 10% der m\u00e4nnlichen Bev\u00f6lkerung ermordet oder in russische Gulag verschleppt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst mit Michael Gorbatschows Machtantritt im M\u00e4rz 1985 und seiner Politik von Glasnost und Perestroika ver\u00e4ndert&nbsp;&nbsp;sich die Geschichte der baltischen Staaten. Obwohl er Verst\u00e4ndnis zeigt und Reformen verspricht, beginnen in den drei Hauptst\u00e4dten Demonstrationen mit weiteren Forderungen, auf welche die Sowjetunion mit Gewalt reagiert. In allen 3 L\u00e4ndern entstehen darauf Volksfronten, deren Programm die vollst\u00e4ndige Losl\u00f6sung des Baltikums von Russland vorsieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg der Freiheit beginnt am 23. August 1989, als eine&nbsp;Million Balten auf der Via Baltica, die Tallin, Riga und Vilnius verbindet, eine 600 km lange Menschenkette bildet. Die Menschen fordern den Austritt aus der UdSSR. Die Entmachtung von Gorbatschow l\u00e4sst das Sowjetsystem dann endg\u00fcltig zusammenbrechen und bringt nach Estland und Lettland auch Litauen die Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute sind Estland, Lettland und Litauen ein wertvollerTeil Europas.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die baltischen Barone und ihre Herrenh\u00e4user<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>A.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Einige Stammb\u00e4ume der Barone aus den Baltikum, Erbauer und lange Jahre Besitzer der Herrenh\u00e4user in den baltischen L\u00e4ndern, reichen bis ins 13. Jhdt. zur\u00fcck. Die&nbsp; Wrangell, Stackelberg, Manteuffel, Fircks, Medem, Lambsforff etc. bilden \u00fcber 700 Jahre die Oberschicht der baltischen L\u00e4nder, spielen aber auch eine erheblich Rolle in der Geschichte Russland, dem sie zahlreiche Politiker und Milit\u00e4rs liefern.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Ende des dt. Ritterordens 1561 bis zum Ende des 1. Weltkrieges wird das Baltikum von 4 Ritterschaften in den Gebieten Kurland, Livland, Oesel (heute Saarema) und Estland regiert, die in den verschiedenen Epochen wechselnd unter d\u00e4nischer, schwedischer, polnischer und zuletzt russischer Oberhoheit stehen. Diese Ritterschaften rekrutieren sich vorwiegend aus Adeligen deutscher Herkunft, deren Vorfahren mit dem dt. Orden oder aber mit der Hanse in die L\u00e4nder gekommen sind. Sie empfinden sich als eine eigene Schicht und sind bestrebt, sich vom Beamtenadel abzugrenzen. Dazu dienen sog. Adelsmatrikel \/ Geschlechterb\u00fccher mit einem Verzeichnis der Familiennamen, der Herkunft und dem Stammbaum. Wer nicht darin eingetragen ist, wird nicht als adelig anerkannt. In Livland und Oesel m\u00fcssen die Adeligen dar\u00fcber hinaus auch Gutsbesitzer sein. (Von den 753 eingetragenen Adelsgeschlechtern, bl\u00fchen heute noch ungef\u00e4hr 350.)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Eingetragenen, dh. jeder Gutsbesitzer, sind Mitglied des Landtags, dienen dem K\u00f6nig \/ Zar in Krieg und Frieden, nehmen an der Verwaltung teil und zahlen einen Teil der Kriegssteuer.<\/p>\n\n\n\n<p><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-vivid-red-color\">B.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Nun aber zu ihren Gutsh\u00e4usern<\/mark><\/p>\n\n\n\n<p>Herrenh\u00e4user finden sich aufgrund der andersartigen Geschichte Litauens vor allem in Estland und Lettland, wo man sie heute noch fast in jedem Dorf entdecken kann. Sieht man in einem Ort eine Eichel-, Pappel- oder Lindenallee, verbirgt sich an deren Ende mit grosser &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Wahrscheinlichkeit ein Herrenhaus. Kein anderes europ\u00e4isches Land kann auf ein solches Erbe zur\u00fcckgreifen. W\u00e4hrend einige wenige neben zerst\u00f6rten Ordensburgen als Zentrum eines Gutes im 17. Jhdt. neu aufgebaut und heute oft Schloss genannt werden, sind andere nach dem Nordischen Krieg und seinen grossen Verw\u00fcstungen im fr\u00fchen 18. Jhdt. neu errichtet worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten H\u00e4user entstehen also in gut 100 Jahren und bilden eine architektonische Br\u00fccke zwischen West- und Osteuropa: Erbaut von westeurop\u00e4ischen Architekten sind sie auch von russischen Elementen beeinflusst und spiegeln so die Geschichte der deutsch-baltischen Ritterschaften wieder. Sie sind die Wohnh\u00e4user einer privilegierten adeligen Grundherrschaft und stehen als eine Art Verwaltungszentrum in engem Zusammenhang mit Wahrnehmung und Aus\u00fcbung von gutsherrschaftlichen Rechten und Pflichten. Zusammen mit den dazugeh\u00f6rigen Immobilien sichern sie den Lebensunterhalt der baltischen Ritterschaft. Die einheimische Bev\u00f6lkerung tr\u00e4gt als Knechte und M\u00e4gde ohne Geld und Besitz zum Wohlstand bei.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Familien besitzen nicht nur ein Gut, sondern mehrere, die durch Kauf, Erbschaft oder Heirat auch immer wieder den Besitzer wechseln. So geh\u00f6ren zB. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; der Familie von Rennenkampff in Estland und Livland zwischen 1635 und 1919 47 G\u00fcter, und auch die Familie von Fircks kann mit einer ansehnlichen Zahl von sog. Muizas aufwarten. Im 18. \/ 19. Jhdt. nennt sie folgenden Besitz ihr Eigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem 1. Weltkrieg gibt es nach einigen Quellen in Estland 462, in Kurland 648 und in Livland 804 ritterschaftliche G\u00fcter, welche aber seit 1918 ihre Funktion als Zentrum von Grossg\u00fctern verloren haben, zerfallen oder fremd genutzt werden. Als Alters- und Pflegeheime, als Schulen, Kinos, Molkereien oder sogen. Kulturzentren werden sie der neuen Bestimmung angepasst: Linoleum \u00fcberdeckt die oft zerl\u00f6cherten Holzb\u00f6den, Holzw\u00e4nde unterteilen R\u00e4ume und W\u00e4nde, und Decken \u00fcberstreicht man mit beiger oder brauner Farbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur im Nordosten Estlands gelingt es einer Anzahl von Gutsbesitzern, gen\u00fcgend Land hinzuzupachten und ein St\u00fcck alten Lebensstils zu bewahren, so den Wrangell auf Ruin, den Stackelberg auf Kurk\u00fcll und den Harpes auf Finn. Im 2. Weltkrieg werden aber auch sie vertrieben oder umgesiedelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das feudale Erbe wird w\u00e4hrend der 1. Unabh\u00e4ngigkeit und vor allem w\u00e4hrend der Sowjetzeit nicht besonders gesch\u00e4tzt. Die meisten H\u00e4user verfallen bald, ein Verfall, der sich in der Zeit der Sowjetunion weiter fortsetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Lettland 1991 aber seine Unabh\u00e4ngigkeit zur\u00fcckgewonnen hat, ist ein bemerkenswertes Rettungsprogramm im Gange: \u00dcber 150 Herrenh\u00e4user stehen unter Denkmalschutz, und viele bieten Besuchern und Benutzern Kulturgeschichte und Anschauungsunterricht. Auch Estland bem\u00fcht sich, seine Gutsh\u00e4user zu sanieren und damit zu retten. Nationalstolz auf die eigene Geschichte und Ambitionen im Tourismus haben wohl dazu beigetragen.<\/p>\n\n\n\n<p>C<span class=\"has-inline-color has-vivid-red-color\">.&nbsp;&nbsp;&nbsp; Baugeschichte mit Beispielen<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00e4ltesten Gutsh\u00e4user sind entweder Umbauten der meist steinernen Ordensburgen, sp\u00e4ter oft \u201aSchloss\u2018 genannt, oder aus Holz, denn z.Z. der Errichtung von St. Petersburg unter Peter d. Gr. ist die Konstruktion von Steinbauten im ganzen russischen Reich verboten; die Steine werden an der Newa ben\u00f6tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine sehr grosse Zahl der heute noch existierenden &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; H\u00e4user wird im 18. und 19. Jhdt. gebaut, als viele Gutsherren durch die Aufhebung der Zollbeschr\u00e4nkungen mit Russland zu grossem Reichtum gelangen. Stark dazu beigetragen hat die wachsende Anzahl von Spiritusfabriken, deren Wodka weitgehend nach Russland verkauft wird. Deswegen setzt in der 1. H\u00e4lfte des 19. Jhdts. eine intensive Phase des Baus von Herrenh\u00e4usern ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Als aber nach dem 1. Weltkrieg viele Deutschbalten die jetzt unabh\u00e4ngigen Staaten verlassen und eine Agrarreform die G\u00fcter zerst\u00fcckelt, beginnen Untergang und Zerfall von Betrieben und H\u00e4usern. Im Jahr 1922 sieht ihr Zustand in Estland folgendermassen aus:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>In gutem Zustand sind noch 106,<\/li><li>in befriedigendem 225 H\u00e4user,<\/li><li>in schlechtem Zustand 169, unbrauchbar 125 und als Ruinen \u00fcberleben 515 Gutsh\u00e4user,<\/li><li>dh. von einer Gesamtzahl von 1140 Geb\u00e4uden sind mehr als die H\u00e4lfte verloren.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Barock und Klassizismus sind die vorherrschenden Baustile der baltischen Herrenh\u00e4user.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; W\u00e4hrend die \u00e4lteren Geb\u00e4ude vom Barock Katharinas der Grossen und ihrer italienischen Architekten beeinflusst sind, wechselt der Einfluss im Laufe des 19. Jhdts., und das englische und deutsche Vorbild wird immer wichtiger. Die englischen Landh\u00e4user mit ihren weitl\u00e4ufigen Parkanlagen ersetzen die barocken Geb\u00e4ude und G\u00e4rten.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 1800 bekommt die Wohnkultur in der mitteleurop\u00e4ischen Oberschicht mehr Gewicht, die Welt der Damen und ihres h\u00e4uslichen Umfeldes ver\u00e4ndert sich, und diese \u00c4nderung erreicht auch das Baltikum. Das gesellschaftliche Leben, Einladungen, Ausfl\u00fcge mit Kutsche oder Boot, Schlittenfahrten im Winter und kulturelle h\u00e4usliche Anl\u00e4sse, geh\u00f6rt jetzt zur adeligen Lebensart, was der Schriftsteller Eduard von Keyserling in seinen B\u00fcchern anschaulich beschreibt, und beeinflusst auch den Bau der Herrenh\u00e4user:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Die Gesellschaftsr\u00e4ume werden jetzt streng von den Schlaf- und Wirtschaftsr\u00e4umen getrennt, und<\/li><li>der \u201aSalon \u00e0 l\u2019italienne\u2018 wird architektonisch hervorgehoben, oft halbrund errichtet.<\/li><li>Die Geb\u00e4ude bleiben in der Regel zweist\u00f6ckig und rechteckig, werden aber in L\u00e4nge und Breite ausgedehnt und erhalten im Klassizismus und in den nachfolgenden Stilmixturen oft S\u00e4ulenreihen, die sich manchmal \u00fcber zwei Stockwerke hochziehen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Auch auf die Inneneinrichtung wird viel Wert gelegt, was an noch vorhandenen Parkettb\u00f6den, Kachel\u00f6fen, Leuchtern und auf alten Stichen von Interieurs zu sehen ist. Hotels, die sich heute in den ehemaligen Herrenh\u00e4usern befinden, werden oft mit zwar nicht immer authentischen, aber zeitgen\u00f6ssischen M\u00f6beln ausgestattet.<\/p>\n\n\n\n<p>Urspr\u00fcnglich einfaches Wohnhaus eines b\u00e4uerlichen Gutes entwickelt sich das Herrenhaus zu einem &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; gesellschaftlichen Zentrum, mitten in einem Park mit alten B\u00e4umen und oft auch an einem Teich oder an einem kleinen See.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Glossar<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-vivid-red-color\">Ungurmuiza (dt. Oralen, Orellen)<\/mark><\/p>\n\n\n\n<p>Ungurmuiza ist ein von einem wundersch\u00f6nen Park mit Eichen und Linde umgebenes Ensemble im Gauja Nationalpark, das heute ein Museum und ein G\u00e4stehaus beherbergt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstmals 1399 erw\u00e4hnt, kommt das Gut 1732 nach mehreren Besitzerwechseln (den Namen erh\u00e4lt es von der Familie v. Ungern \u2014-Ungurmuiza \/ Haus der Ungern) in die H\u00e4nde des russ. Generalmajors und Generalgouverneurs v. Finnland Johann Caspar v. Campenhausen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser l\u00e4sst ein barockes Holzbeb\u00e4ude errichten, heute das letzte \u00fcberlebende seiner Art, und vom Maler Georg Dietrich Hinsch mit Wandmalereien dekorieren. Neben Blumenmustern finden sich auch Szenen aus dem Leben des Freiherrn, ua.&nbsp; bewachen zwei Grenadiere mit dem Gesicht Peters d. Gr. das Schlafzimmer, ein Dank f\u00fcr die Errettung durch zwei Soldaten im nordischen Krieg. Erg\u00e4nzt wird das Gut mit Viehstall, Kornkammer, Gartenpavillon, einem Teehaus und einer Begr\u00e4bnisst\u00e4tte f\u00fcr die Familienmitglieder.<\/p>\n\n\n\n<p>1910 nach den letzten Umbauten ist das Geb\u00e4ude noch in sehr gutem Zustand, 1917 vertreiben die \u00f6rtlichen Bolschewiken den letzten Verwalter des Gutes und nutzen es als Milit\u00e4rlager; dabei kommt es zu ersten Besch\u00e4digungen und Pl\u00fcnderungen.<\/p>\n\n\n\n<p>1920 verliert die Familie v. Campenhausen im Rahmen der lettischen Agrarreform den Besitz endg\u00fcltig und wird dann 1939 wie alle Deutschen in den Warthegau im heutigen Polen ausgesiedelt, von wo den Mitgliedern der Familie 1945 die Flucht in den Westen gelingt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungurmuiza wird in diesen Jahren stark besch\u00e4digt: Was die Familie nicht mitnehmen kann, verschwindet oder wird teilweise zerst\u00f6rt, die Wandmalereien auf den Holzw\u00e4nden dienen als Brennholz oder werden \u00fcbermalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dank Spenden der schwedischen und lettischen Regierung kann dieses einzigartige Relikt einer vergangenen Zeit gerettet werden: die Geb\u00e4ude sind renoviert, die \u00fcbermalten Wandmalereien wieder sichtbar und die Besucher des Museums und des Hotels k\u00f6nnen die besondere Aura von Haus und Park geniessen.<\/p>\n\n\n\n<p><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-vivid-red-color\">Die Deutschritter<\/mark><\/p>\n\n\n\n<p>Die Deutschritter oder der Deutschritterorden, so genannt nach einem ehemaligen deutschen Spital in Jerusalem, wird 1190 in Akkon gegr\u00fcndet, zun\u00e4chst als Spitalbr\u00fcderschaft, seit 1198 auch als ritterliche Kampfgemeinschaft zum Schutz der Pilger im Heiligen Land.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist neben den Tempeln und den Johanniter der dritte grosse Ritterorden der Kreuzzugszeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Verlust von Akkon 1291 verlegt der Orden seinen Sitz zuerst nach Venedig, dann auf die Marienburg im heutigen Polen. Dort w\u00e4chst er zur st\u00e4rksten Macht im Ostseeraum heran und gr\u00fcndet Ende 13. Jhdt. einen Ordensstaat im Baltikum. Die Niederlage gegen eine polnisch-litauische Union in der Schlacht bei Tannenberg 1410 beschleunigt seinen Niedergang.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute besitzt der Orden etwa 1000 Mitglieder, Priester und Ordensschwestern, und widmet sich vorwiegend karitativen Aufgaben. Seinen Hauptsitz hat er in Wien. In Oesterreich, S\u00fcddeutschland und der Schweiz verf\u00fcgt er immer noch \u00fcber betr\u00e4chtlichen Grundbesitz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Christine Burkhardt, Geschichtswissenschafterin BaselVortrag gehalten an der Jahresversammlung des Schweizerisch Baltischen Komitees vom 18. 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